×

Glaubenssätze in der Anwaltskanzlei

Jeder hat sie, diese Glaubenssätze. Jeder handelt danach, und nicht jeder weiß das.
Wer über sich schon seit der Kindheit glaubt “Ich schaffe das”, wird auch noch als Erwachsener alles dafür tun, es zu schaffen.

Textauszug aus: “Chefsache Anwaltscoaching”

© Johanna Busmann

Glaubenssätze: Wirkung, Ursache und Funktion

Glaubenssätze bringn Sicherheit

Jeder hat sie, diese Glaubenssätze. Jeder handelt danach, und nicht jeder weiß das.
Der Inhaber eines Glaubenssatzes wählt sein Verhalten so, dass am Schluss der eigene Glaubenssatz immer wieder stimmt: “Siehste, ich wusste es ja, es klappt (nicht).”
Dadurch erwirtschaftet er persönliche Sicherheit.
Skurril und abgefahren? Nein, typisch Mensch.

Glaubenssätze sind Bestandteil der Persönlichkeit

Positive und negative Glaubenssätze sind rein subjektive Lebensregeln und geben der Welt ihres Inhabers Sicherheit und Orientierung.
Sie ordnen externe Ereignisse automatisch und verlässlich in “schlechte” und “gute”, fühlen sich an wie feste Persönlichkeitsbestandteile („So bin ich eben“) und liefern unumstößliche Wahrheiten über die Umgebung („So ist das eben“).
Glaubenssätze schaffen Realität und sind für ihre Inhaber wie ein Teil ihrer DNA: Anders als Meinungen, Ideen oder Vorlieben sind sie – in der Regel – nicht bewusst benennbar und damit nicht diskussionsfähig.

  • Wie ein mentaler Schleifstein schärfen sie allmählich die Werkzeuge der Persönlichkeit, denn “auf Dauer nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an”.

Glaubenssätze ersetzen objektive Information

Glaubenssätze sind durch objektive Fakten in der Regel nicht beeinflussbar und rotieren in einem geschlossenen, individuellen Energiekreislauf.
Die mindestens 600 Jahre alte Regel aus dem Talmud “Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind!” beschreibt, dass objektive Informationen passiv “übersehen” oder aktiv zu “fake news” erklärt werden, sobald sie mit einem Glaubenssatz kollidieren, da ansonsten der Glaubenssatz nicht überleben würde.
Dagegen kann z.B. der Satz “Frauen werden schlechter bezahlt als Männer” überall dort kein Glaubenssatz sein, wo Faktenwissen über die Ungleichbezahlung von Frauen und Männern existiert: In vielen Branchen mit Tariflohn, in vielen Branchenvergleichen und in vielen Vergleichen von Einstiegsgehältern ist diese Aussage statistisch beweisbar.

Glaubenssätze durch Teile der Realität verstärkt

Wenn Anwältinnen mit dem Glaubenssatz “Ich bin es nicht Wert” auf den statistisch korrekten Satz “Frauen werden schlechter bezahlt als Männer” treffen, verstärkt die Realität den eigenen Glaubenssatz: Manche dieser Frauen werden dann erst recht nicht so auftreten und verhandeln, dass sie genauso viel verdienen wie Männer – oder mehr. Unterbezahlung von Frauen wird so auch individuell salonfähig.

Glaubenssätze sind das Öl im Motor der Selbstwahrnehmung

Glaubenssätze sorgen für vollautomatisierte Verhaltensweisen.
Sie sind weder schlecht noch gut, sondern stets angemessen zum mentalen Status ihres Inhabers: Sie liefern ihm Energieersparnis, Sicherheit und Orientierung und schützen ihre Besitzer vor Niederlagen und Rückschlägen, egal wie hinderlich oder förderlich ihre Auswirkungen ansonsten im Alltag für den Besitzer selbst sind.
Ausgerechnet durch diese lebensrettende Orientierung entsteht die Unfähigkeit, aus dem Glaubenssatz resultierende Verhaltensweisen selbstkritisch zu hinterfragen.
Glaubenssätze sind ihrem Besitzer so vertraut, dass er in der Regel nicht mal ihren Namen kennt, obwohl sie ihn am Nasenring durch die Manege ziehen dürfen.

Glaubenssätze sind schwer zu enttarnen

Glaubenssätze dominieren Verhaltens-, Denk- und Fühlgewohnheiten. Das tun sie entwicklungsgeschichtlich schon so lange und derart selbstverständlich, dass sie kaum durch ihren Besitzer allein enttarnt werden können.
Glaubenssätze orientieren sich maximal an animalischen (= nicht durch Training „verunreinigten“) Überlebensriten und kommen – als hörbare, ausgesprochene Sätze – in der Regel nur in einem Streit vor – oder unter dem Schutz eines professionellen Coachings.

Sprache verrät Glaubenssätze

Ein in der Kindheit erworbener Glaubenssatz klingt, solange er nicht flexibilisiert wurde, aus dem Mund des späteren Erwachsenen immer kindlich, da der der Erwachsene manche Einflüsse, Meinungen oder Anforderungen seiner (Berufs-) Welt tatsächlich wie ein Kind bewertet.
Dasselbe gilt für die versehentliche Veröffentlichung eines Glaubenssatzes durch scheinbar harmlose Formulierungen oder durch einen harten Streit.
Glaubenssätze (und die dazu gehörigen Instruktionen) enttarnen sich sprachlich durch die Kombination aus modalen Hilfsverben (müssen, dürfen, können) und Absolutheitswörtern (immer, nie, jeder, alles).

Glaubenssätze sind anti-intellektuell inszeniert

Sie treten als perfekt getarnter Gegenspieler zu Wissen und Wollen auf, halten selten einem Realitätscheck Stand und klingen (durch Verzicht auf Quantifizierung und Spezifizierung) schmerzhaft anti-intellektuell:

Ich darf nicht gierig sein.
Ich kann niemandem trauen.
Ich schaffe das nicht.
Ich bin es nicht Wert.
Ich muss es anderen Recht machen.
Ich habe keine Zeit.
Ich muss alles perfekt machen.
Ich muss mich anstrengen.
Ich muss alles sofort erledigen.
Ich muss immer der Beste sein.

Buch

Chefsache Anwaltscoaching
Berliner Wissenschafts-Verlag
erscheint am 1. Dezember 2021
E-Book und Hardcover
c.a. 755 Seiten, 89 Euro
(+ Versandkosten NUR bei Versand ins Ausland: 7,95 Euro)

Kapitelübersicht, Leseprobe und Buchbestellung

Autorin

Johanna Busmann, Hamburg
31 Jahre Anwaltstraining, Strategieberatung und Kanzleicoaching – Details

Presse

Der Anwaltscoach hat verwandte Blogbeiträge gefunden

Bitte wählen Sie zunächst Ihre Kategorie:

Zeitmanagement in der Anwaltskanzlei

Zeitmanagement in der Anwaltskanzlei: Menschen müssen wohl oder übel ihr eigenes Management, darunter auch ihren individuellen Umgang mit der Zeit, auf sinnvolle Füße stellen.

Werte in der Kanzleikultur

Jeder hat sie, jeder folgt ihnen, und nicht jeder erkennt das: Werte sind unumkehrbare mentale Wegweiser in einem Wimmelbild aus tausenden von gleichrangigen Verhaltensmöglichkeiten.

Kanzleiziel und Kanzleistrategie

Kanzleiziel und Kanzleistrategie: Ein Ziel macht aus einem Wunsch eine Handlungsanweisung und aus einer Vision Realität. Das macht Ziele anstrengend und anfangs eher unbeliebt.

Anwälte und ihre schwierigen Mandanten

Wenn sich Anwälte als Opfer ihrer Mandanten aufführen, geben sie auf der Sachebene ihre Macht aus der Hand und profitieren auf der Beziehungsebene von dieser Machtlosigkeit.

Teams in Anwaltskanzleien

Drei Arten von Teams machen Anwaltskanzleien erfolgreich: Gruppen, Dauerteams und Projektteams. Alle drei haben unterschiedlichen Trainings-, Coachings- und Entwicklungsbedarf.

Selbstmanagement in der Anwaltskanzlei

Wer Selbstmanagement betreibt, manipuliert nur noch sich und nicht mehr andere. Verhalten passt zu Werten, zu Zielen und zur momentanen Rolle.

Anwältinnen und ihre Macht über sich selbst

Anwältinnen und ihre Macht über sich selbst. Wer „Macht über sich selbst“ schon hat, muss sie nicht mehr gegen andere ausüben.

Kanzleipartner verantworten die Kanzleikultur

Kanzleipartner verantworten die Kanzleikultur. Partner verantworten Arbeitsatmosphäre, Umsätze und Mandantenzufriedenheit. Schön wär’s, sagt die Realität.

Organisations-Chaos in Anwaltskanzleien

Organisations-Chaos in Anwaltskanzleien. Anwälte haben ja Kanzleiführung nicht gelernt und unternehmen alles, um den Schlendrian in ihre Kanzlei einzuladen.

Anwälte sind keine Führungspersönlichkeiten

Anwälte sind keine Führungspersönlichkeiten. Energie, Geld, Zeit und Arbeitsplätze kann es kosten, wenn Anwälte sich in Sachen Führung nicht fortbilden.