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Hierarchie in der Anwaltskanzlei

„Obwohl man von flachen Hierarchien schwärmt, gibt es diese nicht“, beklagt sich ein Kanzlei-Mitarbeiter. Von einem Zufall ist die Hierarchielüge in Kanzleien weit entfernt.

Textauszug aus: „Chefsache Anwaltscoaching“

© Johanna Busmann

Hierarchien und Führung in der Anwaltskanzlei

Hierarchien geben Orientierung, Zugehörigkeit und Motivation.

Sie bewirken geschäftliche, sportliche oder soziale Erfolge, sozialen Zusammenhalt, gemeinsames Lernen und Wohlstand ganzer Volkswirtschaften.
Soweit das Idealbild.
Die Realität sieht dagegen oft anders aus: nicht nur Priester missbrauchen ihre Macht in Hierarchien. Strafrichter können finstere Lieder singen von Korruption, Kindesmissbrauch, Staatsdoping, Vergewaltigung und Völkermord.
Oder – wie es bereits in der „Proletenpassion ironisch heißt: „Denn Macht macht mächtig Spaß“.

Machtmissbrauch: Die Hierarchie-Lüge in der Kanzlei

„Obwohl man von flachen Hierarchien schwärmt, gibt es diese nicht,“  beklagt sich auf einer öffentlichen Plattform ein unzufriedener Ex-Mitarbeiter.
Machtmissbrauch durch das gesprochene Wort braucht i.d.R. keine weiteren Taten und klingt auch in Anwaltskanzleien zunächst sogar freundlich: „Wir haben hier flache Hierarchien“.
Dieser Satz einer anwaltlichen Führungskraft soll wahrscheinlich fortschrittlich und nett klingen, verdeckt aber primär den Führungsunwillen des Sprechers, während auch hier keiner seiner Mitarbeiter je etwas von „Flachen Hierarchien“ mitbekommen hat.
Offiziell ist solche Lügerei nicht strafbar, und Strafe von außen ist in diesem Fall auch wirklich unnötig.

  • Der Sprecher bestraft sich selbst und alle seine Mitarbeiter durch das Leugnen faktischer Hierarchien. Er erhöht dadurch Krankenstand und Fluktuation. Allein durch das allgemeingültige Feststellen der „flachen Hierarchien“ für die ganze Kanzlei gibt der Sprecher bekannt, dass er es „zu sagen“ hat.

Führung in privaten Hierarchien

Hierarchien gibt es überall. Wo sie geleugnet oder als ineffektiv wahrgenommen werden oder sogar ganz fehlen, werden sie unverzüglich durch anfangs hierarchiefrei agierende Akteure selbst eingesetzt.
Mobbing, Zickenkrieg und Angst bzw. Opportunismus sind typische Symptome inkongruent gelebter Hierarchien.
Selbstgefällige Privat-Inszenierungen („Ich bin gegen Hierarchien“) sind dabei folgenlos und behindern den Aufbau effizienter Hierarchien glücklicherweise nicht; die antiautoritären „Erzieher“ der 60er Jahre negierten Hierarchien zwischen sich und ihren Kindern und hinterließen ungewollt in deren Gehirnen den Imprint egoistischer, pflichtfeindlicher und einzelgängerischer Disposition.

Gibt es Führungspersönlichkeiten?

Der Hierarchie- und Verhaltensforscher Robert Maurice Sapolsky ist Autor von „Mein Leben als Pavian“. Er beschreibt darin den geborenen Anführer in allen Säugetierformationen als „abgeklärten, kontrollierten Charakter, der seine Gegner nicht bezwingt, sondern Bündnisse mit ihnen schließt.“
Führungsstarke Anwälte sind demnach Paviane mit anderen Mitteln: Hier wie dort sind keineswegs die klügsten, stärksten oder aggressivsten von ihnen die erfolgreichsten aller Führungskräfte, sondern die integrativsten:
Wer in beiden Galaxien (Pavianfamilien und Anwaltskanzleien) elegant „auf glattem Eise zu tanzen weiß“, der knackt den Jackpot: Er bündelt soziale, psychologische und organisatorische Kräfte und nutzt sie – unter Anwaltsmenschen am erfolgreichsten in Kanzleien mit „Händlerkulturen“ -, um seinen Erfolg zu mehren.

Führung in geschäftlichen Hierarchien

Führung ist in geschäftlichen Hierarchien entweder „top-down“ oder „bottom-up“ geregelt. Mischformen sind üblich bei echten „flachen Hierarchien“, z.B. in sog. „selbst steuernden Teams“.
Das Wort von der agilen Führung macht die Runde.
Hierarchie ist üblicherweise unterteilt in Zwischenstufen.

Nicht jeder Anwalt kann Partner werden
Diese Erkenntnis führte Anfang der 2000er Jahre zu Einrichtung einer weiteren Hierarchiestufe in Großkanzleien: Der angestellte Partner („salary partner“, auch genannt Local Partner, Junior Partner, Fixed Share Partner oder Assoziierter Partner) erhält ein festes jährliches Gehalt plus Bonus und hat ein eingeschränktes Mitsprache- und Stimmrecht gegenüber den Vollpartnern.

Der Counsel als Aushängeschild
Erfahrene, oft namhafte Anwälte werden in der Rolle des „of Counsel“ als Fachmann zu bestimmten Mandaten hinzugezogen, als „face to the customer“ extern mit der Mandantenbindung bei „key clients“ betraut und als „ausgestiegener“ Ex-Partner der Kanzlei auf dem Briefkopf als „Institution“ weiter geführt.

Buch

Chefsache Anwaltscoaching
Berliner Wissenschafts-Verlag (2022)
E-Book und Hardcover
710 Seiten, 89 Euro
(+ Versandkosten NUR bei Versand ins Ausland: 7,95 Euro)

Kapitelübersicht, Leseprobe und Buchbestellung

Autorin

Johanna Busmann, Hamburg
31 Jahre Anwaltstraining, Strategieberatung und Kanzleicoaching – Details

Presse

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